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» Das Perleberger Heft Nr. 31 ist in der Stadtinformation Perleberg ab sofort für 2,50 Euro erhältlich

Perleberg. „Ich kann Sie nur beglückwünschen zu der Idee, dem Perleberger Gymnasium den Namen Gottfried Arnold zu geben. Warum? Weil ein Umgang mit ihm, mit seinem Leben und mit seinen Schriften uns helfen kann, das Leben zu meistern.“ So begann der Festredner und Theologe Dr. Ulrich Woronowicz seine Ansprache zur Namensgebung des Perleberger Gymnasiums am 1. April 1993 vor dem Lehrkörper, Schülern und Politikern.

Die Idee, das wieder gegründete Bildungsinstitut in der Prignitzer Kreisstadt – nach einer Verlegung in die Nachbarstadt und damit vollendeten Abwicklung in Perleberg im Jahre 1982 – nach der wiedergewonnenen Deutschen Einheit in die Realität umgesetzt zu haben, war schon ein Grund zu feiern. Das Andenken an den Pietisten Arnold in der Prignitzstadt Perleberg und damit im jungen neuen Bundesland Brandenburg auf Dauer fest zu verankern, das hatten die Wenigsten erwartet: die Namensgebung bedurfte einer Erklärung.

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Obgleich in der Festbroschüre zur 750-Jahrfeier im August 1989 ein Beitrag über Gottfried Arnold aufgenommen worden war, blieb Arnold, abgesehen für einige wissenschaftlich arbeitende Theologen, ein größtenteils unverstandener Kirchenmann.

Der Festredner Woronowicz, Superintendent im Ruhestand aus Bad Wilsnack, war angesichts der Umwälzungen nach 1990 durch „Wende“ und Deutsche Einheit für realitätsnahe Erklärungen theologie- und philosophiegeschichtlichen Denkens bereit, und erläuterte, was Arnold „für uns heute“ bedeutete. Denn Anfang der 1990er-Jahre stellten sich für alle ehemaligen DDR-Bürger existenzielle Fragen. Verdiente zu diesem Zeitpunkt ein Denker zwischen Pietismus und Aufklärung, der 1714 von dieser Welt gegangen war, besondere Aufmerksamkeit?

In seiner Auseinandersetzung mit Arnolds Werken arbeitete der Theologe Woronowicz folgende Kernaussagen heraus, die er während des ersten Gottfried-Arnold-Kolloquiums am 13. August 1993 referierte: Geschichtswissenschaft als Gesellschaftskritik. Demokratisches Bewusstsein als Voraussetzung für den demokratischen Staat. Aufbau einer Streitkultur. Keine Position ohne Opposition. Keine Gräuelmärchen und Propagandalügen. Böses begrenzen, nicht ausrotten. Arnold schien auch Ende des 20. Jahrhunderts hochaktuelle Antworten zu geben.

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Was wird die Schülergeneration aus diesen Erläuterungen für ihr späteres Erwachsenendasein abgeleitet haben? Geschichtsbewusstsein, Demokratieverständnis, Toleranz? Greifbarer war für die Heranwachsenden ihr Umfeld, der Schulalltag. Gottfried Arnold hat während seiner Wirkungszeit in Perleberg dem Schulwesen richtungsweisende Impulse gegeben.

Über diese Tätigkeiten forschte die Kulturwissenschaftlerin Martina Hennies und beschrieb die Perleberger Atmosphäre zwischen 1707 und 1714 in einer Broschüre, die speziell das Schulwesen in dieser Stadt fokussiert, vornehmlich als Einführung für Schüler des Gottfried-Arnolds-Gymnasiums in die Zeitumstände um 1700. Da diese Broschüre vergriffen ist, entschied sich die Stadt Perleberg auf Wunsch mehrerer Bürger jetzt für eine erweiterte Nachauflage, die nun als Perleberger Heft Nr. 31 der Öffentlichkeit vorgelegt wird.

Unterrichtsvoraussetzungen (Bücher und Heizmaterial), Unterricht in regelmäßigen Strukturen (Stundenpläne), aktives Lernen (Durchdenken statt auswendig Gelerntes herbeten), Nächstenliebe (Pflichten und Engagement der Schüler), schließlich ein neues Schulhaus – das sind vom Schulinspektor Arnold erstrittene konkrete Verbesserungen, die den Perleberger Schülern zugute kamen.

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In geduldiger Argumentation gewann er auf seine Weise den Zuspruch von Bürgern und Bürgermeister für neues Denken. Das ist die Botschaft, die man von Arnold annehmen kann.

Die Frage: „Was hat uns Arnold heute zu sagen?“ ist nach wie vor aktuell, denn die Gesellschaft braucht gebildete, offene und engagierte Bürger. Inzwischen sind diese Jugendlichen von 1993 als die heute durchschnittlich Mittvierziger im 21. Jahrhundert angekommen, erziehen eigenen Nachwuchs, gestalten die Gesellschaft mit. Die gleichen Themen brennen. Gottfried Arnold kann man noch heute mit Erkenntnisgewinn lesen. Die Stadt Perleberg zeichnet sich mit einer erneuten Publikation über Arnold deshalb aus.

PPA/pb


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